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Sachsens Regierung stellt erneut Lehrerausbildung um


Verkürzungen von Grund- und Mittelschulausbildung sowie Vorbereitungsdienst / Ausstieg aus bundesweiten Standards


Angehende Studierende, die ab Herbst in Sachsen das Lehramtsstudium beginnen möchten, werden sich wundern: Statt den erst vor ein paar Jahren eingeführten Bachelor- und Masterstudiengängen können sie nur neu eingeführte Staatsexamensstudiengänge studieren. Das Studium für die Grundschule wird auf 8 Semester verkürzt. Die Dauer des Studienganges für Mittelschule wird nur noch 9 Semester betragen. Gleichzeitig wird das Referendariat von 2 Jahren auf 1 Jahr verkürzt. So wurde es vom sächsischen Kabinett auf Vorschlag von Wissenschafts- und Kultusministerium im Herbst 2010 beschlossen (vgl. Eckpunkte ganz unten).

Die beiden lehrerbildenden Universitäten in Dresden und Leipzig einschließlich der Zentren für Lehrerbildung wurden im Vorfeld in keiner Weise am Entscheidungsprozess beteiligt. Sowohl die unmittelbar betroffenen Studierenden, als auch Fachleute der Praxis, Bildungswissenschaftler und Interessenvertretungen wurden komplett übergangen. Auch der Landtag musste die nie diskutierten Eckpunkte der erneuten Reform der Lehrerbildung schlucken. Die sächsische Regierung schloss damit den größten Teil der Fachleute für Lehrerbildung in Sachsen aus.

Bereits 2006 wurde das Lehramtsstudium in Sachsen reformiert und damit auf Bachelor- und Masterstudiengänge umgestellt. Die Reform ging auf eine bundesweit seit 2000 eingeleitete Diskussion zur Lehrerbildung zurück. Damals empfahl eine von der Kultusministerkonferenz eingesetzte Kommission (sog. Terhart-Kommission) u.a. die Erarbeitung von bundesweiten Standards der Lehrerbildung. Seit dem wurden ein Lehrerleitbild entwickelt (Bremer-Erklärung 2000, Mitunterzeichnerin war die GEW, vgl. Block "Weitere Informationen") und von der KMK bundesweite Standards für die Lehrerbildung verabschiedet (für die Bildungswissenschaften 2004 und für Fachdidaktiken sowie Fachwissenschaften 2008).

Der deutsche Weg des Bologna-Prozesses und die damit einhergehende Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen beschleunigten die bundesweiten Bestrebungen zu einer gemeinsamen Lehrerbildung. 2005 einigte sich die KMK auf die bundesweite Anerkennung von Bachelor-/Masterabschlüssen als Voraussetzung für die Aufnahme in den Vorbereitungsdienst, wenn die entsprechenden Studiengänge die KMK Standards erfüllten.

Mit der Einführung des ersten Bachelorstudienganges im Jahr 2006 gehörte Sachsen zu den ersten Bundesländern, die sich zu diesem Prozess bekannten. Der lehramtsbezogene Bachelor in Dresden und Leipzig ist zudem polyvalent ausgerichtet, sodass die Studierenden sich erst im Master für eine bestimmte Schulart entscheiden müssen und während der Bachelorphase gemeinsam studieren. Zum einen bietet dies eine bessere Orientierungsphase für den angestrebten Beruf und sollte damit den hohen Abbrecherquoten der alten Studiengänge entgegen wirken. Zum anderen stellt es eine Öffnung der Lehrerausbildung dar, die nun nicht mehr starr an dem in Sachsen bestehenden Schulsystem orientiert ist und allen Schularten mit einer Regelstudienzeit von 10 Semestern die gleiche Anerkennung verschafft.

Und genau das ist wohl der Grund für den Rückschritt zu schulartenspezifischen Staatsexamina: Mit der gleichen Regelstudienzeit aller Schularten hätten künftige Grund- und Mittelschullehrer die Möglichkeit, die gleiche Bezahlung wie Gymnasial- und Berufsschullehrer zu fordern. Dies lässt sich mit der erneuten Reform vermeiden.

Außerdem immatrikulieren sich derzeit viel zu wenige Studierende für den Master Mittelschule. Ohne auch nur ansatzweise darüber nachzudenken, warum sich Studierende vor allem für das Gymnasium entscheiden, wird nun eine altbewährte Bedarfssteuerung wieder eingeführt: Die Zugangshürden für die Mittelschulstudiengänge werden niedriger gehalten als die der Studiengänge für das Gymnasium. Die Interessenten für ein Lehramtsstudium im Allgemeinbildenden Bereich, die eine schlechtere Abiturnote haben, fallen in den Mittelschulstudiengang. Leider ist dies ein offenes Geheimnis an den beiden Universitäten, da dies bereits bei den alten Studiengängen mit Staatsexamen vor 2006 vorwiegend der Fall war.

Die weitere Ausgestaltung der scheinbar in Stein gemeißelten Eckpunkte für die neu einzuführenden Studiengänge mit Staatsexamen entscheidet die Staatliche Kommission Lehrerbildung, eine innerministeriale Arbeitsgruppe, in der erstmals die lehrerbildenden Hochschulen (auch Musik- und Kunsthochschulen) und nach massivem Druck auch die Studierenden gehört werden. Die Entscheidungsgewalt über die neue LPO trägt schließlich aber doch allein das Kultusministerium.

Dabei zeichnen sich massive Widersprüche zur bundesweiten Entwicklung ab. Nicht allein die plötzliche Abkehr vom innerdeutschen Bologna-Prozess ist verwunderlich. Das Kultusministerium möchte zudem in der LPO konkrete inhaltliche Anforderungen für die einzelnen Fächer formulieren. Dies ist eine klare Abkehr von den bundesweiten Standards der KMK, die das Lehrerleitbild und die Anforderungen für die Bildungswissenschaften und die Fächer anhand von Kompetenzen beschreiben. Besonders an der TU Dresden nutzen einige Fachvertreter nun die Chance, gänzlich auf die Beachtung der KMK Standards zu verzichten und eigene Empfehlungen in die LPO einzubringen.

Eine Anhörung des Wissenschaftsausschusses im Landtag Ende Januar 2011 zum Thema Weiterentwicklung der Lehrerbildung zeigte deutlich die inhaltlichen und organisatorischen Fehler der erneut eingeleiteten Reform. Neben der Landesvorsitzenden Sabine Gerold warnten auch die Universitäten und externe Wissenschaftler, wie der Rektor der Universität Siegen und Prof. Jürgen Oelkers von der Universität Zürich, vor der Einführung der neuen Studiengänge. Während Prof. Gesche Pospiech von der TU Dresden den derzeitigen Zeitplan zur Einführung der neuen Studiengänge im Herbst als „ambitioniert bis überambitioniert“ bezeichnete, machte Prof. Thomas Hofsäss klar, dass die Universität Leipzig gern beim Bachelor-/Mastersystem bleiben möchte. Aus diesem Grund werden potentielle Bewerber in diesem Jahr noch über den Bachelor informiert, nicht über die Staatsexamina. Die Anhörung wurde nicht von den Regierungsparteien beantragt, sondern von den Grünen.

Die Interessenten für ein Lehramtsstudium können sich also derzeit warm anziehen. Glücklicherweise hat der Kultusminister nun eingesehen, dass wir künftig mehr Lehramtsstudierende benötigen und damit eine bessere Informationspolitik bezüglich günstiger Fächerkombinationen angekündigt. Das ist lobenswert, könnte jedoch ins Leere gehen. Die Bewerberinnen und Bewerber entscheiden sich oftmals nicht falsch – sie werden nur falsch ausgesiebt. An der TU Dresden gab es im vergangenen Jahr 2414 Bewerbungen für den polyvalenten Bachelor Allgemeinbildende Schulen, der zum Grund- Mittelschul- oder gymnasialen Lehramt führt. Angenommen wurden aufgrund des harten numerus clausus (NC) nur 376 Studierende (16 Prozent). Von denen studieren 75 das Fach Mathematik. Dies gibt nicht die Anzahl derjenigen wider, die sich für Mathematik entschieden haben, sondern der Maximalgrenze an Studierenden, welche die Fakultät für dieses Fach aufnehmen wollte (numerus clausus).

Burkhard Naumann

 

Wesentliche Eckpunkte zur erneut reformierten Lehrerbildung in Sachsen:
(vgl. Pressemitteilung des sächsischen Kabinetts vom 19.10.2010)

  • Ab 2011/12 bilden die Universitäten wieder von Beginn an nach Schularten aus.
  • Das Lehramtsstudium für Grund- und Mittelschule wird verkürzt: Die Regelstudienzeit für Grundschule beträgt 8 Semester. Mittelschule 9 Semester, berufsbildende Schule, Förderschule und Gymnasium jeweils 10 Semester
  • Das Referendariat wird von 2 Jahren auf 1 Jahr verkürzt.
  • Die Modulstruktur des Studiums wird beibehalten, d.h. es gibt weiterhin studienbegleitende Modulprüfungen. Zusätzlich bildet ein Staatsexamen den Abschluss des Studiums.
  • Die Verteilung der Studienanteile (Bildungswissenschaften, Praktika, Fachwissenschaften, Fachdidaktiken usw.) für die jeweiligen Schularten, die inhaltlichen Vorgaben des Studiums, das 1. Staatsexamen und das verkürzte Referendariat einschließlich 2. Staatsexamen werden in einer neuen Lehramtsprüfungsordnung (LPO) geregelt.
  • Die Konzentration der Ausbildung von Grund- und Mittelschullehrern in Leipzig wird aufgehoben, d.h. in Dresden werden künftig wieder Studiengänge für diese beiden Schularten angeboten. Förderschule bleibt in Leipzig und berufsbildende Schule in Dresden.
  • Die Universitäten sind aufgefordert eigene Profillinien zu entwickeln. Dresden konzentriert sich voraussichtlich auf frühkindliche Bildung und Leipzig auf Förderpädagogik.
  • Zusätzlich zum Staatsexamen soll der Erwerb von Bachelor- und Masterabschlüssen möglich sein.
  • Studierende, die derzeit im Bachelor oder Master für Lehramt studierenden, können ihr Studium beenden und müssen nicht in die Studiengänge mit Staatsexamen wechseln (Vertrauensschutz).