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Der Highspeed-Lehrer


Umstellung der Lehrerausbildung. Diesmal: Die Verkürzung des schulischen Vorbereitungsdienstes

Nein, die sächsische Regierung macht keine halben Sachen. Mit der Umstellung im Lehrerstudium wird nur die Länge des schulischen Vorbereitungsdienstes für alle Schularten mal eben halbiert (vgl. "Sachsens Regierung stellt erneut Lehrerausbildung um" erschienen in der E&W im April 2011). Natürlich werden sich viele angehende Lehrerinnen und Lehrer zunächst freuen, schließlich geht damit die äußerst stressige Phase vor dem zweiten Staatsexamen schneller vorüber. Doch um welchen Preis?

Begründet wird die Verkürzung mit der intensiveren praktischen Ausbildung im Studium. Im Gegensatz zum alten Staatsexamen wurden bereits bei der Konzeption der Bachelor- / Masterstudiengänge für Lehramt die Praxisphasen qualitativ und quantitativ ausgebaut. Die höhere Qualität sollte vor allem durch die Betreuung und Begleitung der Praktika durch die Lehrkräfte der Hochschulen erfolgen. Soweit die Theorie. Dies scheiterte jedoch an den personellen Ressourcen. Vielfach findet keine Betreuung der semesterbegleitenden Praktika statt. Die Studierenden sind damit beim Unterrichten und vor allem bei der Auswertung auf sich allein gestellt.

Da Blockpraktika nur noch außerhalb von Leipzig und Dresden absolviert werden dürfen, besteht die Begleitung der Blockpraktika nur aus einer Vor- und einer Nachbereitung in Form von Blockseminaren, in denen vorwiegend die Formalia und ein paar grundsätzliche Aspekte der Hospitation besprochen werden können. Die kontinuierliche Begleitung ist nicht mehr möglich, da die Studierenden die weiten Strecken pendeln müssten. Ein qualitativer Zuwachs ist daher nur bei einzelnen Fächern festzustellen.

Und auch die höhere Quantität hält sich in Grenzen. Durch zu große Gruppengrößen bei den semesterbegleitenden Praktika schaffen es die wenigsten Studierenden die erforderliche Anzahl von Pflichtstunden zu unterrichten. Immerhin: Bei den fachdidaktischen Blockpraktika am Ende des Studiums wurde der Richtwert der selbst zu haltenden Unterrichtsstunden i.d.R. von 15 auf 20 pro Fach erhöht. Und bei den neuen, teils verkürzten Studiengängen mit Staatsexamen, die im Herbst eingeführt werden sollen, wird der Praxisanteil von 21 Creditpoints (CP) im Bachelor/Master auf 25 CP erhöht (1 CP entspricht 30 Arbeitsstunden).

Der Praxiszuwachs im Studium ist jedoch nur marginal gegenüber der Verkürzung des Vorbereitungsdienstes um ein Jahr. Ein Jahr praktische Ausbildung entspricht an der Hochschule 60 CP und somit 1800 Arbeitsstunden.

Die Folge ist, dass man sich in Zukunft auf ein erheblich höheres Maß an Vorkenntnissen aus dem Studium verlassen muss. Die künftigen Lehrerinnen und Lehrer im Vorbereitungsdienst müssen nach kürzerer Zeit selbstständig unterrichten und bereits ein Jahr nach dem ersten Staatsexamen das zweite Staatsexamen ablegen. Die ohnehin viel zu hohe Belastung im Vorbereitungsdienst wird durch den Zeitdruck bis zur Überbelastung intensiviert.

Sachsen ordnet sich zudem sowohl durch die Verkürzung der Studiendauer, wie auch durch den einjährigen Vorbereitungsdienst für alle Schularten, bundesweit ganz unten ein. 12 Monate sind von der Kultusministerkonferenz als Minimallänge für den Vorbereitungsdienst vorgegeben. Kein anderes Bundesland schreibt die Minimallänge für alle Schularten vor. Gleiches gilt für die Verkürzung des Studiums.

Statt die Ausbildung gänzlich auf das Minimum zu reduzieren, um mit Highspeed neue Lehrkräfte zu produzieren, sollte Sachsen lieber die Rahmenbedingungen schaffen, um den Vorbereitungsdienst durchlässiger, attraktiver und letztlich gewinnbringender zu gestalten (vgl. Forderungen ganz unten). Entweder man belässt den Vorbereitungsdienst bei zwei Jahren Länge und verbessert die Qualität der Ausbildung oder man integriert die Praxis vollständig in die erste Phase. Die Junge GEW fordert ein Gesamtkonzept zur Verbesserung der Ausbildung und keine halben Sachen!

Burkhard Naumann
Junge GEW Sachsen

 


 

Die Junge GEW fordert für den schulischen Vorbereitungsdienst:

1.       Die sofortige Übernahme nach dem 1. Staatsexamen und ein abgestimmtes Konzept zum Ausbau von Ausbildungskapazitäten und Einstellungskorridoren.

Bis 2020 wird ein Drittel der sächsischen Lehrerinnen und Lehrer in den Ruhestand gehen. Bis 2030 folgt ein weiteres Drittel der derzeitigen Lehrkräfte. Trotz des damit drohenden Einbruchs in der Unterrichtsversorgung werden in Sachsen derzeit 77% der Neubewerbungen für den Vorbereitungsdienst abgelehnt. Nach langem Studium stehen künftige Lehrkräfte somit auf der Straße oder wandern in andere Bundesländer ab. Eine nachhaltige Entwicklungsplanung für Lehrkräfte ist nicht vorhanden. Damit muss jetzt Schluss sein! Im Zuge einer Entwicklungsplanung müssen die Kapazitäten in der Ausbildung und Einstellung von schulischen Lehrkräften in allen Phasen abgestimmt sein. Dies betrifft die Hochschulen, die Plätze für den Vorbereitungsdienst und die Einstellungskorridore nach Abschluss der Ausbildung.

 

2.       Die halbjährliche Aufnahme  in den Vorbereitungsdienst und die Option auf Teilzeit.

Außerdem muss für die Vereinbarkeit von Familie und Ausbildung der Vorbereitungsdienst in Teilzeit und eine hürdenlose Unterbrechung zu den Schulhalbjahren möglich sein. Die halbjährliche Aufnahme ermöglicht eine flexiblere Planung für Schulverwaltung und für Absolventinnen und Absolventen des 1. Staatsexamens. Auch die Kultusministerkonferenz (KMK) hat in den „Gemeinsamen Leitlinien der Länder zur Deckung des Lehrkräftebedarfs“ von 2009 zwei Einstellungstermine für den Vorbereitungsdienst empfohlen.

 

3.       Die Einführung verfasster Mitbestimmungsrechte der Lehrerinnen und Lehrer im Vorbereitungsdienst.

Lehrerinnen und Lehrer im Vorbereitungsdienst (kurz: LiV) sind eine eigene Gruppe an den Schulen. Bei den Personalräten besitzen sie kein passives Wahlrecht. Daher gibt es keine rechtmäßige Vertretung für diese Gruppe. Die Notwendigkeit ist jedoch mehr als gegeben: Die Rechte der LiV sind nirgendwo klar definiert. Dabei sind bis zu drei Mentoren, die Schulleitung und die SBA ihnen gegenüber weisungsberechtigt, ohne dass deren Kompetenzen klar abgegrenzt wären. Bei Konflikten müssen sich im Zweifelsfall die LiV abducken, da sie den schwammigen Kompetenzregelungen, den Anordnungen der Weisungsberechtigten, der Benotungen und der fehlenden Interessensvertretung untergeordnet sind.

 

4.       1400 Euro Brutto im Vorbereitungsdienst für alle Schularten.

Während in anderen Bereichen im Anschluss an das Studium der jeweilige Beruf mit dem entsprechenden Einkommen ergriffen werden kann, folgt bei der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern nach dem Studium eine harte Bewährungsprobe mit einem Arbeitspensum von nicht selten über 60 Wochenstunden. Dabei fallen für die LiV eine Reihe von Kosten an. Beispiele sind Kosten für Anfahrt von Schule und Seminar, für Arbeitsmittel, Schreibmittel, Fachliteratur und Kopien. Die Vergütung von meist 800 Euro netto ist daher keinesfalls ausreichend. Zudem unterscheidet sich der Aufwand nicht zwischen den verschiedenen Schularten. Schließlich sind die Kosten für die LiV zunächst abhängig von der Ausstattung der Ausbildungsschule, den Anfahrtswegen, dem Unterrichtsfach, der eigenen Unterrichtsvorbereitung und den individuellen Anforderungen der Schülerrinnen und Schüler. Daher fordern wir eine gleiche Vergütung aller Lehrerinnen und Lehrer im Vorbereitungsdienst unabhängig von der Schulart. Die Ausbildung muss mit Vor-, Nachbereitung und Selbststudium prinzipiell so konzipiert sein, dass sich 40 Wochenstunden ergeben.

 

5.       Die Überführung in eine einphasige Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern.

Die immerzu geforderte Verzahnung von Studium und Vorbereitungsdienst gelingt letztlich nie befriedigend. Die Ausbildung in beiden Phasen wird von verschiedenen Institutionen mit verschiedenen Zielen geplant und zu verschiedenen Zeiten durchgeführt. Vor allem in der ersten Phase stirbt letztlich jede getroffene Absprache an den Sachzwängen.

Durch die vollständige Integration der Praxisphasen in die erste Phase erreicht man das Optimum an Verbindung von Theorie und Praxis, wobei darunter keinesfalls die Qualität und Quantität der Praxis leidet. Die Ausbildung schließt dann mit einem Hochschulabschluss ab. Nach der erstmaligen Festeinstellung folgt eine Berufseinstiegsphase, die von einem Mentor oder einer Mentorin begleitet wird und in der eigenständig unterrichtet wird. Die zunächst geringe Pflichtstundenzahl wird dabei stetig erhöht. Die Mentorenrolle ist nicht bewertend und regulierend, sondern beratend und unterstützend. Dabei gilt für die Begleitung aller Praxisphasen: Mentorenstunden sind Arbeitsstunden für Mentor/in und Lehrer/in im Vorbereitungsdienst und müssen entsprechend verrechnet werden.

 

Das gesamte Positionspapier der Jungen GEW zum Vorbereitungsdienst erschien 2010 in der Septemberausgabe der E&W. Download:

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